Fachkräftemangel – ein Kommentar in den Nachrichten der GDCh

GDCh und Fachkräftemangel: Nachdem in den Nachrichten aus der Chemie lange nichts zum Thema Fachkräftemangel in der Chemie zu lesen war, wurde jetzt in der April-Ausgabe von 2018 ein Kommentar von Professor Daubenfeld von der Hochschule Fresenius dazu auf Seite 411 veröffentlicht.

Hier ein gekürztes Zitat:

Denn wenn es [den Fachkräftemangel] tatsächlich gäbe, dann wäre nicht jeder siebte Chemiker ein halbes Jahr nach seiner Promotion noch auf Stellensuche, müssten die Gehälter von Chemikern in der Industrie (stärker) steigen […]

Der Anlass

Herr Daubenfeld nimmt eine Studie aus dem Jahr 2014 zum Anlass, in seiner Kolumne über das Thema zu schreiben. Ich nehme an, es war eine Studie, über die 2014 in den Nachrichten zu lesen war und die ich damals schon kritisiert habe.

Er zieht den Schluss, dass man mehr Leute für die Lehre begeistern muss.  In den Ausbildungsberufen scheint wirklich ein Mangel zu herrschen.

Mein Fazit

Schön, dass auch in der GDCh-Zeitschrift das Thema „Fachkräftemangel“ einen Platz bekommt. Und dies, nachdem die GDCh und Fachkräftemangel lange keine Überlappung hatten.

Ich bin gespannt, ob es weitere Artikel zum Thema gibt, und ob man die Anregungen von Herrn Daubenfeld aufgreift.

Fachkräftemangel in der Chemie

Seit Mitte 2010 wird in Deutschland verstärkt über den „Fachkräftemangel“ berichtet. Woher der Begriff ursprünglich kommt, konnte ich bisher nicht herausfinden. Was er bedeutet, ist jedoch klar. Den Untergang der deutschen Wirtschaft, falls nichts getan wird. So ist zumindest lange der Tenor in den Medien gewesen.

Gibt es einen Fachkräftemangel in der chemischen Industrie?

Das ist die zentrale Frage, die ich hier behandeln will. Ich habe ja schon mehrfach im Blog darüber berichtet, dass es hier von Seiten der Industrie solche Aussagen gibt, z.B.  sollen 2020 bis zu 15.000 Fachkräfte in der Chemieindustrie fehlen.

Um die Frage zu beleuchten, müssen wir aber zunächst klären, was Fachkräfte sind, und dann, was ein Mangel ist.

Fachkräfte müssen nicht studiert haben

Ein Problem in der Berichterstattung ist, dass Fachkräfte oft mit studierten Arbeitnehmern gleichgesetzt werden. Dabei widerspricht dem schon das Wort Facharbeiter. Fachkräftemangel kann also durchaus unterschiedlich aufgefasst werden, z.B. auch als Mangel an Facharbeitern, Laboranten etc.

Betrachtet die Arbeitslosenstatistik im Bereich der Chemie, die ich unter Arbeitslosigkeit mehr oder weniger aktuell halte. Ihr könnt sehen, dass sich seit 2012 eigentlich wenig an der Gesamtzahl der Arbeitslosen geändert hat. Die Zahl der Arbeitssuchenden ist demgegenüber deutlich gestiegen. Auch die Zahl der arbeitslosen Experten, zu denen studierte Chemiker gerechnet werden, zeigt einen leichten Anstieg.

Sind das alles falsch qualifizierte oder zu alte Chemiker?

Angeblicher Fachkräftemangel trotz steigender Absolventenzahlen

Die GDCh betrachtet jedes Jahr die Zahlen der Chemiker an den Universitäten. Seit 2010 steigen diese Zahlen kontinuierlich.

Entwicklung der Studienzahlen in der Chemie nach Jahren. Seit 2008 steigende Zahlen.
Studiengang Chemie: Studienanfänger/innen im Diplom- und Bachelor-Studiengang (Quelle: GDCh)

Auch die Zahl der promovierenden und der Absolventen steigt dementsprechend an. Am Alter der Leute am Arbeitsmarkt kann es also nicht liegen, falls ein Fachkräftemangel vorliegt.

Nachfrage nach Chemikern

Wenn das Angebot an Chemikern so hoch ist, ist eine weitere Möglichkeit für einen Mangel eine stärker gestiegene Nachfrage. Aber auch dies ist aus den Zahlen nicht ersichtlich.

In einem Kommentar von Entropie auf einen Post  wird auf eine Studie des VCI hingewiesen. Laut dieser wird die Anzahl der Stellen in der chemischen Industrie in den nächsten Jahren eher schrumpfen.

Auch die Anzahl der großen Fusionen in den letzten Jahren deutet eher darauf hin, dass die Gesamtzahl an Jobs in der Chemieindustrie rückläufig ist.

Gehaltsentwicklung

Da der Arbeitsmarkt ja wie der Name schon sagt ein Markt ist, muss ein Mangel an Angebot sich in höheren Preisen niederschlagen. Das heißt, wir  Chemiker sollten an unserem steigenden Gehalt sehen, wie knapp wir sind. Nun ist es in Deutschland eher verpönt, über sein Gehalt zu sprechen, daher sind Daten eher knapp.

Eine Orientierung bietet die Entwicklung des Tariflohns in der Chemiebranche oder die Gehaltsumfrage der GDCh.

 

Fachkräftemangel, die X.

Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich das Thema Fachkräftemangel hält. Wer davon wohl profitiert?

Derek Lowe von „In the Pipeline“ hat den Fachkräftemangel im MINT-Bereich jetzt aufgegriffen.. Er hat bemerkt, dass sich die Pharmaindustrie nach den USA auch in Großbritannien beklagt. In gekonnt ironischer Art weist Lowe darauf hin, dass es kaum offene Stellen gibt und die Gehälter seit dreißig Jahren nur wenig gestiegen sind. Das trifft übrigens auch auf Deutschland zu.

Für die Gehälter der USA hat C&EN gerade gezeigt, dass sie seit 1985 inflationsbereinigt kaum gestiegen sind.

Was soll man da noch sagen? Gut, dass wieder viele Studienanfänger Chemie gewählt haben!

Fachkräftemangel auch in Österreich?

Laut einer Meldung der Nachrichten aus der Chemie von 2015 (S.1149) gibt es „auch“ in Österreich einen Fachkräftemangel.

Im Artikel wird dann auch festgestellt, dass die Arbeitslosenquote in Österreich viel höher ist als in Deutschland, die Arbeitgeber meinen aber, dass es an Bewerbern mit geeigneten Qualifikationen fehlt. Von Weiterbildung scheint man in diesen Betrieben noch nichts gehört haben.

Es wird auch ein kurzer Blick auf die Schweiz geworfen, wo es anscheinend momentan noch keinen Fachkräftemangel gibt.

Interessanterweise wird auf der gleichen Seite berichtet, dass die Einkommen in Pharma und Chemie in Deutschland seit 2006 relativ stabil sind, in Spanien sogar gesunken sind. So sieht aber kein Fachkräftemangel aus, oder?

Leider ist der Volltext nicht öffentlich zugänglich.

Zahlen zu den Chemiestudiengängen von der GDCh

In den Nachrichten aus der Chemie 2015, 63, 823 (Link zu Artikel) stellt die GDCh die neuesten Zahlen zu den deutschen Chemiestudiengängen vor.

Auffällig ist, dass 2014 wieder sehr viele Studenten ein Chemiestudium begonnen haben, fast so viele wie 2011, als in Bayern und Niedersachsen ein doppelter Abiturjahrgang das Studium aufnahm. Gleichzeitig hat sich die Anzahl der Doktoranden wieder gesteigert, inzwischen befinden sich 8222 Studenten in der Promotion.

Daraus leite ich ab, dass auch in den nächsten 5-10 Jahren kein Fachkräftemangel in der Chemie zu befürchten ist. Die schulische Förderung von Chemie scheint auch gut zu funktionieren, oder wollen wir, dass noch mehr Schüler ein Chemiestudium beginnen?

Zwar sind die Zahlen über den Verbleib der Absolventen nicht sehr vollständig und bietet Raum für Interpretation, aber die Autoren meinen erkennen zu können, dass dieses Jahr mehr Absolventen stellensuchend sind als in den Vorjahren.

Was auch immer die Statistik sagt, entscheidend für den Einzelnen ist das eigene Glück. Wie erging es Euch im letzten Jahr, wenn ihr eine Stelle gesucht habt?

Statistische Infos zu den Studiengängen sind übrigens unter http://www.gdch.de/statistik verfügbar.

Schlagzeile: Kein Fachkräftemangel in der Chemie

Der Stifterverband untersuchte den Fachkräftemangel in MINT-Fächern und hat herausgefunden, dass die Anfängerzahlen in MINT-Fächern von 2008 bis 2013 um über 30% gestiegen sind. Die Untersuchung des Fachkräftemangels sieht mir hier sehr ingenieurslastig aus, es gibt keine expliziten Zahlen für Chemie oder Naturwissenschaften.

Für die Chemie gab es ja 2014 schon schlimme Prognosen für die Unternehmen, über die ich berichtet habe. Momentan scheinen die Personalmanager von Chemieunternehmen aber auch keinen Mangel festellen können.

Es wurde auch gefragt, wie die chemische Industrie diesen Mangel verhindern kann. Neben Vorschlägen professionellerem Recruiting, bessere Weiterbildungsmaßnahmen oder der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte schlägt allerdings niemand vor, höhere Gehälter zu zahlen (Bild ganz unten im verlinkten Beitrag). Den Unternehmen ist schon klar, was „Markt“ in Arbeitsmarkt bedeutet, oder?

Fachkräftemangel vor 50 Jahren

In den aktuellen Nachrichten aus der Chemie im Januar 2015 ist auf Seite 10 ein Artikel der Nachrichten aus Chemie und Technik von 1965 abgedruckt. Der damalige Vorstandsvorsitzende von Bayer drückt hier seine Sorge um Fachkräfte aus:

Prof. K. Hansen […] hat vor Pressevertretern ausgeführt, dass die Zahl der gegenwärtigen Chemie-Studenten (rund 8800) nicht ausreichen werde, um auch nur den Bedarf der Wirtschaft nach Chemikern zu befriedigen.

Ich frage mich, wie das ausgegangen ist…

Fachkräftemangel 2020?

In den aktuellen Nachrichten aus der Chemie (7/8 2014, S. 833) gibt es eine neue Hiobsbotschaft für die Chemieindustrie:

Bis zum Jahr 2020 fehlen der deutschen Chemieindustrie nach einer Studie der Bonner Wirtschafts-Akademie bis zu 15000 Fachkräfte. Diese Ansicht vertreten 41% der befragten Personalverantwortlichen, und ebenso viele gehen von bis zu 25000 unbesetzten Fachstellen aus.

Diese 82% der Personalverantwortlichen beneide ich um Ihre hellseherischen Fähigkeiten. Aber es geht weiter:

Derzeit bemerken 73% der Chemieunternehmen allerdings keinen nennenswerten Fachkräftemangel.

Vielleicht liegt das daran, dass es keinen Fachkräftemangel gibt.

Dennoch sinken die Bewerberzahlen, damit einhergehend passen viele Bewerbungen nicht auf das ausgeschriebene Anforderungsprofil und etliche Anwärter verfügen nicht über die nötige Fachkompetenz.

Sind die Anforderungsprofile vielleicht überzogen? Eventuell sollten die Firmen auch etwas Zeit in Einarbeitung investieren.

Und ab wann ist man überhaupt Fachkraft? Als CTA? Bachelor? Master? Doktor?

In der gleichen Ausgabe zeichnet der Artikel „Der Arbeitsmarkt – aus der Sicht von Jungchemikern“ (S. 813) ein anderes Bild. Zwei Zitate daraus:

Personaler fragen nach dem Jahresgehaltswunsch und bekommen – übertrieben gesagt – einen Herzkasper, wenn sie die Zahl 69000 Euro mit dem Verweis auf die aktuelle Statistik des VAA hören.

Angebote aus der klein- und mittelständischen Industrie lagen im Bereich von 35000 Euro Jahresbrutto.

Man kann hier nur daran erinnern, dass auch der Arbeitsmarkt ein Markt ist, in dem zumindest bedingt, die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten. Im Post „Gehaltsentwicklung tariflich bezahlter Chemiker“ kann man sich nochmal die Entwicklung der Tarifgehälter seit 1998 anschauen.

Vielleicht kann man also dem Fachkräftemangel durch faire Gehälter entgegenwirken… Was meint Ihr, liebe Leser?

Brauchen wir mehr Wissenschaftler?

Passend zur Diskussion über den Fachkräftemangel, über den ich auch schon berichtet habe, kommentiert Derek Lowe in seinem Blog “In the Pipeline” einen Artikel von Slate. Besonders ein Satz stört ihn, nämlich dass Amerika nicht nur sehr gute, sondern auch mehr mittelmäßige Wissenschaftler brauche. Ich empfehle, seinen Kommentar selbst zu lesen. 

Ingenieurmangel

Die Bild-Zeitung berichtet vom Ingenieurmangel. In Deutschland fehlen wohl schon über 100.000 Ingenieure, vor allem im Maschinen- und Fahrzeugbau. (Link vom Stern)

Laut der Statistik des Arbeitsamts vom Januar sind diese Stellen vor allem auf Fachkräfte-Ebene zu suchen. (berufe-heft-kldb2010-d-o-xls.xls auf der Webseite der Arbeitsagentur. Blatt 1.3 P173)

Leider kenne ich die genaue Einteilung nicht, aber ich denke doch, dass ein Diplomingenieur nicht als Facharbeiter geführt wird. Falls ich mich irre, bitte ich um Kommentare.