Corona Bail-out

An den Zugriffszahlen des Blogs merke ich, dass die meisten momentan etwas anderes lesen wollen, und sich nicht mit dem chemischen (Stellen)markt beschäftigen. Zumindest nicht direkt, die Corona-Krise hat ja durchaus auch Auswirkungen auf diesen. Wie sie auf gefühlt alles Auswirkungen hat im Moment.

Daher möchte ich heute meine persönliche Meinung zu einem Aspekt dieser Krise schreiben. Und diese Meinung ist eher uninformiert.

Als Reaktion auf den sogenannten Lockdown, also das Einschränken des öffentlichen Lebens, haben die Bundes- und Landesregierungen Hilfen für die Betroffenen in Aussicht gestellt. So gibt es KfW-Kredite, Soforthilfen für Freiberufler und Betriebe, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken, Bürgschaften, vereinfachte Kurzarbeit usw.

Es ist ziemlich viel und für mich undurchsichtig, mehr Infos gibt es auf den Seiten des Wirtschaftsministeriums.

Zunächst fand ich das toll, wie schnell und unbürokratisch diese ganzen Hilfen zur Verfügung gestellt wurden. Hat man doch was gelernt aus der Finanzkrise, oder?

Aber wer kontrolliert denn das alles? Und noch wichtiger, wer zahlt für die Soforthilfen, ausfallenden Kredite etc.?

Jetzt haben wir ja gerade erst die Finanzkrise zurückbezahlt. Zynisch muss man sagen, bezahlt wurde die vom Steuerzahler, profitiert haben Banken und Aktionäre.

Daher bringen Forscher jetzt einen Corona-Soli ins Spiel, der ähnlich wie der Lastenausgleich nach dem zweiten Weltkrieg funktionieren soll. Dann würden die Hilfen aus dem Vermögen bezahlt, nicht aus dem Einkommen der Steuerzahler.

Ich halte das für eine gute Idee, prophezeie aber, dass sich das nicht durchsetzen wird. Die CSU macht sich ja schon für Steuersenkungen stark, die typischerweise eher der oberen Mittelschicht Erleichterung verschaffen und nicht den Geringverdienern, die jetzt durch Ihren Einsatz die Hauptlast der Krise tragen (Krankenpfleger, Paketfahrer, Kassierer im Supermarkt).

Ah so, europaweiter Corona-Bonds wurden abgelehnt, soweit geht die Solidarität nicht.

Was haltet Ihr von dem Thema? Ist es zu früh, sich darüber Gedanken zu machen?

Warum haben eigentlich viele Firmen keine Rücklagen, um einen Monat Verdienstausfall zu überstehen?

Corona – Kurzarbeit in der Chemieindustrie

So langsam beginnt man die massiven (und von mir unterschätzten) Auswirkungen des nahezu weltweiten Lockdowns auch in der Chemieindustrie zu spüren. Die Nachfrage nach Autos und anderen größeren Konsumgütern ist in Folge der Corona-Krise eingebrochen, die Automobilindustrie hat Werke geschlossen und Kurzarbeit angemeldet.

Die IG BCE erwartet jetzt auch einen schnellen Anstieg der Kurzarbeit in der Chemieindustrie. Die Kurzarbeit können die Unternehmen bis Ende des Jahres ja mit nur drei Tagen Vorlauf einführen.

Wieviel Geld bleibt mir in Kurzarbeit?

Das Entgelt beträgt 60%, mit Kind 67%. Maximales Bezugsgehalt ist die Beitragsbemessungsgrenze von 6450 Euro im Monat (siehe Kurzarbeitergeld der Arbeitsagentur). In tarifgebundenen Unternehmen gibt es aber Sonderregelungen und es wird auf bis zu 90% des Nettoarbeitsentgelts aufgestockt (siehe IG BCE zum Kurzarbeitergeld). Nach Steuer bleiben dann so 80% bis 85%.

Wen betrifft es?

Die BASF Lacksparte hat in Münster und Würzburg schon Kurzarbeit eingeführt. Irgendwie komisch, dass man so etwas hauptsächlich von Firmen liest, die von Rekordgewinn zu Rekordgewinn geeilt sind. Aber es sorgt dafür, dass jetzt niemand entlassen wird. So ähnlich wie die Mietstundungen, die auch von großen Unternehmen genutzt werden und zu einem PR-Disaster werden. Aber liebe Politik, wenn Ihr Regeln macht, dann wundert Euch nicht, dass diese genutzt werden!

Und jetzt halten wir mal kurz inne und denken an die vielen Freiberufler und Selbständigen, die diese Krise viel massiver trifft als die Angestellten. Und wenn wir schon dabei sind, dann denken wir auch an die PaketfahrerInnen, KassiererInnen, KrankenpflegerInnen und andere jetzt „systemrelevante“ Berufstätige. Vielen Dank Euch!

Ich hoffe für uns, dass wir das nach der Krise nicht vergessen.

Chemie und Covid-19, Teil drei

Die vorherigen Artikel über die Supply-Chain und das Coronavirus, und der zweite Teil zeigen, dass ich zunächst nicht verstanden habe, was da passiert. Vielleicht verstehe ich es immer noch nicht…

Inzwischen ist zumindest in Bayern für mindestens die nächsten zwei eine Ausgangsbeschränkung in Kraft. Mal sehen, wie sich die Fallzahlen bis dahin entwickeln. Ich hoffe, wir sehen Besserung. Interessant in dem Zusammenhang sind zwei Artikel von Tomas Pueyo: Coronavirus – Why you must act now und Coronavirus – The hammer and the dance.

Da beschreibt der Autor, warum jetzt harte Einschnitte nötig sind. Dann kann das Leben bald mehr oder weniger zu einem Normalzustand zurückkehren kann.

Ich weiß auch gar nicht, was ich momentan selbst schreiben soll. Die Ereignisse sind so unglaublich, man fühlt sich in einem schlechten Zombiefilm („jeder kann Dich infizieren…).

Bemerkenswert im Zusammenhang mit der Chemieindustrie finde ich die große Solidarität, die jetzt Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezeigt haben. So kann jetzt innerhalb von drei Tagen Kurzarbeit angekündigt werden. Außerdem kann mobiles Arbeiten angeordnet werden.

Es sind natürlich harte Zeiten, viele Automobilhersteller haben schon Kurzarbeit angemeldet und die Produktion stillgelegt. Die Chemiebranche erwartet Stand März einen Rückgang der Produktion um 1,5 %. Aber da kann sich ja noch viel ändern.

Warten wir es ab, wichtig ist jetzt erstmal, sich zu isolieren, um die Basisreproduktionszahl des Coronavirus unter eins zu drücken! Also wascht Eure Hände und bleibt zu Hause. Wenn ihr rausmüsst, haltet Abstand!

Diverses zu Fachkräften und Klima

Momentan finde ich wenig Zeit zum Lesen oder Bloggen, daher hat es gedauert, bis ich die Februar-Ausgabe der Nachrichten aus der Chemie gelesen habe.

Dort habe ich ein paar interessante Nachrichten gelesen, die ich unten kurz vorstelle.

Fachkräftemangel

Zum einen gibt es ein MINT-Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft, unter anderem mit Aussagen zum Fachkräftemangel.

Interessantes Zitat zum Thema Gleichberechtigung:

Auch unter den MINT-Fachkräften finden sich relativ wenige Frauen. So waren im Jahr 2017 nur gut 1,0 Millionen der 9,18 Millionen erwerbstätigen MINT-Fachkräfte weiblich. Die Anzahl der erwerbstäti-gen weiblichen MINT-Fachkräfte hat sich in den letzten Jahren leicht verringert. Insgesamt ist sie zwi-schen den Jahren 2011 und 2017 um 5,6 Prozent zurückgegangen. Aufgrund des Beschäftigungsrück-gangs bei den weiblichen MINT-Fachkräften ist der Frauenanteil unter allen erwerbstätigen MINT-Fach-kräften zwischen den Jahren 2011 und 2017 von 11,6 auf 11,0 Prozent leicht gesunken.

https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/2019/IW-Gutachten-MINT-Herbstreport-2019.pdf, S. 21

Im Report steht auch, dass es in den letzten Jahren mehr Akademiker mit MINT-Abschluss gegeben hat, bei der beruflichen Bildung aber das Gegenteil passiert ist.

Die Berufsausbildung konnte von der Stärkung der MINT-Fächer in den letzten Jahren folglich nicht profitieren. Die Herausforderung für dieFachkräftesicherung ist damit im Bereich der beruflichen MINT-Qualifikationen besonders groß.

https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/2019/IW-Gutachten-MINT-Herbstreport-2019.pdf, S. 117

Klimaschutz

Der VCI hat drei CO2-Spartechniken aus einer Studie des Weltchemieverbands ICCA hervorgehoben, die in Deutschland viel CO2 sparen können. Neben besseren Solarzellen sieht der VCI Chancen in besseren Akkus und Aminosäuren für die Tierernährung. (S. 20).

Der ICAA-Bericht unterteilt die Lösungen in die Felder Stromerzeugung und -speicherung, Industrie und Produktion, Mobilität und Transport, Ernährung und Landwirtschaft und Bau und Wohnen.

Im Industriebereich z.B. werden die Themen CO2 als Rohstoff, neue Katalyseprozesse, höhere Effizienz z.B. beim Haber-Bosch-Verfahren, Biomasse als Rohstoff, chemisches Recycling und Wasserstoff als Rohstoff angeschnitten. Das ist auch für Studierende der Chemie lesenswert, die sich vielleicht tiefer in ein solches Zukunftsthema einarbeiten wollen.

Noch was zu Corona?

Viele Leute haben viel dazu gesagt. Folgt doch z.B. Marc Lipsitch auf Twitter, er ist Epidemiologe in Harvard und rechnet damit, dass sich 40-70% der erwachsenen Weltbevölkerung infizieren könnten.

Die Supply Chain und das Coronavirus

Seit einigen Wochen grassiert vor allem in China ein neues Coronavirus, SARS-CoV-2. Noch immer ist einiges unklar, daher werde ich hier nichts über das Virus schreiben. Den aktuellen Stand aus deutscher Sicht kann man auf Seiten des Bundesgesundheitsministeriums nachlesen.

Was deutlich sichtbar ist, ist die chinesische Reaktion auf den Ausbruch. So wurde das chinesische Neujahrsfest verlängert, die Stadt Wuhan abgeriegelt und ein Propagandakrieg gegen das Virus gestartet.

Auswirkungen des Coronavirus auf die Supply Chain

Ich habe schon einiges über vermutete Auswirkungen des Coronavirus gelesen. China ist ein Zentrum der chemischen Wirkstoffproduktion, daher wird befürchtet, dass es „schlimmstenfalls“ Medikamenten- und Antibiotikaengpässe geben könnte (SZ). Diese Engpässe gab es aber auch schon vorher, daher ist die Frage, wie man hier eine Ursache zuordnen kann. Eventuell soll das Coronavirus hier auch nur als Sündenbock dienen…

Natürlich könnten auch Lieferketten in der Elektroindustrie, der Textilbranche oder der Chemie unterbrochen werden. Bisher ist aber noch nichts gravierendes bekannt geworden.

Laut Chemanager „hamstern“ einige Unternehmen schon, allerdings scheint sich das im Artikel zu relativieren. Gehamstert werden wohl Mundschutzmasken (hoffentlich für Coronaviren geeignet), 9% der Unternehmen haben Lieferengpässe, die aber nicht zum Produktionsstillstand führen.. Leider kenne ich den normalen Anteil nicht, aber der Chemanager wohl auch nicht…

Relevant ist für Deutschland auch ein möglicher Konsumausfall in China, vor allem bei Autos und Maschinen. Da solche Anschaffungen aber meistens nur aufgeschoben werden, würde nach Ende der Krise nachgekauft werden.

Also alles nicht so schlimm? Das wird sich zeigen und hängt natürlich vom weiteren Verlauf der Epidemie und vom Risikomanagement der Unternehmen und Regierungen ab.

Noch ändert sich auch meine Prognose für 2020 nicht.