Berufsaussichten für Chemiker 2017

In diesem Jahr habe ich eine Serie über Jobs für Chemiker gestartet, bisher habe ich den Laborleiter in der Entwicklung und den Betriebsassistenten vorgestellt. Aber wie sind eigentlich die Aussichten für Chemiker 2017, einen Arbeitsplatz zu finden? Ein Indiz können die Studienanfängerzahlen und die Nachfrage der Wirtschaft bieten.

Studienanfängerzahlen

Jedes Jahr erhebt die GDCh Daten zur Zahl der Chemiestudierenden in Deutschland. Laut dieser Umfrage steigt die Summe der Studienanfänger seit 2008 mit einem Ausreißer nach oben kontinuierlich an (siehe Abbildung).

Studiengang Chemie: Studienanfänger/innen im Diplom- und Bachelor-Studiengang (Quelle: GDCh)

Die Anzahl der Absolventen ist von 1000 im Jahr 2003 auf  über 2.000 gestiegen. Allerdings waren es 1995 auch schon mal 3000 Absolventen.

Trotzdem vermute ich, dass der Angebotsüberschuss für Chemiker auf dem Arbeitsmarkt noch eine Zeit erhalten bleiben wird. Außer natürlich, es werden wieder deutlich mehr Personen eingestellt.

Studiengang Chemie: Verbleib der prom. Absolventen in % von 2003 bis 2015 (Quelle: GDCh)

Interessant ist auch ein Blick auf die promovierten Chemiker und was diese nach der Promotion machen. Das ist schwer zu kommentieren, offensichtlich scheint, dass es 2015 mehr stellensuchende promovierte Chemiker gab und weniger, die einen Postdoc im Inland gemacht haben oder ins Ausland gegangen sind.

Nachfrage der Wirtschaft

Eine Prognose, wie sich die Beschäftigtenzahlen in der deutschen chemischen Industrie entwicklen, wage ich fast nicht. Die Zahl der Neueinstellungen wird stark konjunkturabhängig sein und ich kann Übernahmen oder Verlagerungen ins Ausland nicht voraussehen.

Der VCI veröffentlicht jährlich die „Chemiewirtschaft in Zahlen“, so auch für 2016. Dem kann man entnehmen, dass die Zahl aller Beschäftigten in chemischer und pharmazeutischer Industrie seit 2008 leicht zunimmt, von 311.098 auf 332.213 Personen 2015. Das wäre ein jährliches Wachstum von ca 1%. In der Pharmaindustrie war der Wert 2008 bei 117630, 2015 bei 114069, das ist ein Rückgang, allerdings steigen die Zahlen seit 2010 wieder leicht an (siehe Abbildung).

Stagnierende Beschäftigung in Chemie- und Pharmaindustrie.
Beschäftigtenzahlen für chemische und pharmazeutische Industrie nach dem VCI.

Daher vermute ich, dass es in diesem Jahr keine massiv steigende Nachfrage nach Chemikern durch stark steigende Beschäftigungszahlen gibt.

Der demographische Faktor

2011 berichtete der BAVC (Chemiearbeitgeberverband) über das steigende Durchschnittsalter in der Chemieindustrie. Damals lag der Altersdurchschnitt bei 42.2 Jahren, im Informationsbrief ist auch eine Altersverteilung abgebildet, die ihre Spitze bei 46 Jahren hat. Ich nehme mal an, dass dies ungefähr auch für die promovierten Chemiker gilt, dann sollten in den kommenden Jahren trotz weiter steigendem Rentenalter mehr und mehr Stellen frei werden.

Ob und wie diese neu besetzt werden, ist dann eine anderen Frage.

Wenn Ihr einen Job als Chemiker sucht, schaut gerne auf meiner StepStone-Seite vorbei und unterstützt den Blog, wenn Ihr dort eine interessante Stelle anklickt.

Der Arbeitsmarkt in Europa

Die Agentur für Arbeit hat eine Statistik über europäische Arbeitsmärkte im Vergleich herausgebracht. Laut Daten sinkt die Arbeitslosigkeit in der EU weiter, wobei es bekannterweise und vereinfacht einen Nord-Süd-Anstieg gibt (mit Ausnahme Malta).

Vor allem in den Mittelmeerländern haben allerdings viele Jugendliche keine Jobs, dies scheint mit ein Effekt der unterschiedlichen Ausbildungssysteme zu sein. In Deutschland z.B. wird man während seiner Ausbildung bezahlt, in Spanien ist das nicht der Fall. Zum besseren Vergleich gibt es eine sogenannte NEET-Quote (NEET: Not in Education, Employment or Training), die in Ausbildung befindliche Jugendliche herausrechnet. Dann relativiert sich das Bild etwas, von 43% Erwerbslosen kommt man in Spanien beispielsweise auf 16% NEET-Quote. Wie gut das passt, weiß ich nicht. Habt Ihr dazu Kommentare?

Die wirtschaftliche Entwicklung soll im Schnitt weiter moderat positiv sein, Ausnahmen sind Ungarn, Griechenland und Polen.

Genauer lest Ihr das in der oben verlinkten Studie. Alles in allem hat mich wenig überrascht. Was meint Ihr?

Veränderte Ansprüche an die Arbeitswelt

In den letzten Monaten konnte ich immer wieder darüber lesen, wie anders die sogenannten Millenials, also die von 1980 bis 2000 geborenen, in Bezug auf die Arbeitswelt sind.
Es gibt Studien, die sich damit beschäftigen, z.B. von PwC. Hier ein Zitat eines PwC-Partners zu dem Thema:

Sie lehnen hierarchische Strukturen ebenso ab wie Herrschaftswissen. Sie verachten Stillstand, wünschen sich fortlaufend Feedback auf ihre Leistung zu erhalten und erhoffen sich eine abwechslungsreiche berufliche Laufbahn. Mit anderen Worten: Millenials erwarten einen Management-Stil und eine Unternehmenskultur, die sich in vielen Dingen von tradierten Strukturen unterscheiden.

Edition F schreibt sogar davon, dass viele Millenials bis 2020 ihren Job wechseln wollen, weil zu wenig auf ihre Bedürfnisse am Arbeitsplatz eingegangen wird.

Ich frage mich: Ist das wirklich so, dass „wir“ (ja, ich gehöre auch noch knapp zu den Millenials) eine so andere Erwartung an die Arbeitswelt haben? Wäre uns ein fester Arbeitsplatz über unser Berufsleben unangenehm? Oder gibt es für uns einfach keine Sicherheiten mehr? Das ist wahrscheinlich ein Henne-Ei-Problem, ob sich zuerst die Arbeitsplätze oder unsere Erwartungen geändert haben. Oder habt diese Generation das Urvertrauen in die Arbeitgeber verloren?

Was meint Ihr denn dazu? Und gilt das auch für die Chemieindustrie?

Der deutsche Arbeitsmarkt im Dezember 2015

Die Bundesagentur für Arbeit hat vor einer Woche ihren monatlichen Newsletter verschickt. Darin ist erfreuliches zu lesen: Die Arbeitslosigkeit ist saisonbereinigt gesunken, es waren 2.68 Millionen betroffen, was einer Quote von 6.1 % entspricht.

Der Jahresrückblick ist überschrieben mit „Positive Arbeitsmarktentwicklung bei moderatem Wirtschaftswachstum“. Dort wird geschätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt 2015 um ca. 1.7 % gestiegen ist, die Investitionen der Unternehmen aber eher schwach waren.

Letztes Jahr hatten 8 % der sozialversicherten Beschäftigten einen Nebenjob, während nur 10 % der Erwerbstätigen selbständig waren.
Laut dem Bericht hat das Angebot an Arbeitskräften auch weiter zugenommen, daher stehen dieses Jahr 45.83 Mio Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Wer es genau wissen will, kann den vollständigen Bericht lesen.

Zahlen zu den Chemiestudiengängen von der GDCh

In den Nachrichten aus der Chemie 2015, 63, 823 (Link zu Artikel) stellt die GDCh die neuesten Zahlen zu den deutschen Chemiestudiengängen vor.

Auffällig ist, dass 2014 wieder sehr viele Studenten ein Chemiestudium begonnen haben, fast so viele wie 2011, als in Bayern und Niedersachsen ein doppelter Abiturjahrgang das Studium aufnahm. Gleichzeitig hat sich die Anzahl der Doktoranden wieder gesteigert, inzwischen befinden sich 8222 Studenten in der Promotion.

Daraus leite ich ab, dass auch in den nächsten 5-10 Jahren kein Fachkräftemangel in der Chemie zu befürchten ist. Die schulische Förderung von Chemie scheint auch gut zu funktionieren, oder wollen wir, dass noch mehr Schüler ein Chemiestudium beginnen?

Zwar sind die Zahlen über den Verbleib der Absolventen nicht sehr vollständig und bietet Raum für Interpretation, aber die Autoren meinen erkennen zu können, dass dieses Jahr mehr Absolventen stellensuchend sind als in den Vorjahren.

Was auch immer die Statistik sagt, entscheidend für den Einzelnen ist das eigene Glück. Wie erging es Euch im letzten Jahr, wenn ihr eine Stelle gesucht habt?

Statistische Infos zu den Studiengängen sind übrigens unter http://www.gdch.de/statistik verfügbar.

Neues vom amerikanischen Arbeitsmarkt

In den C&EN-News vom 29. Juni 2015 steht ein interessanter Artikel über Einstiegsgehälter von Chemikern.

Die Arbeitslosenrate für neue Absolventen lag demnach 2014 bei 12.4%, gegenüber 2.9% für alle ACS-Mitglieder. Die Einstiegsgehälter legten um 1% zu, auf 62900 $ (ca. 57000 Euro) für PhDs und 52000 $ (ca. 47150) für M.Sc.. Allerdings sind diese Zahlen aufgrund weniger Teilnehmer statistisch nicht abgesichert.

Steuerlich ist man in den USA sicherlich besser dran, allerdings zahlt man wahrscheinlich mehr für Krankenversicherung und andere Sozialabgaben, oder was meint Ihr? Würdet Ihr auswandern?

Zahlen über Chemiker in Europa

In der Anal Biolanal Chem 2015, 407, 639-643 (ich hoffe, das ist kein Aprilscherz, bei dem Namen…) haben die Autoren der TU Dresden die Ausbildung und Qualifikation von Chemikern in Europa mithilfe eines Fragebogens untersucht. Vorbild war der employment survey in C&EN der ACS.

Zwar wird alles im dem Fokus auf analytische Chemie untersucht, einige Dinge sind jedoch für alle Chemiker interessant. So werden z.B. mit 19% der Großteil der Studenten als Organiker ausgebildet, 15% als Chemieingenieure, nur 4% sind Polymerchemiker. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt kann man hier ein Missverhältniss vermuten.

In der verarbeitenden Industrie arbeiten 32% aller Chemiker, 19% in Forschungsinstituten und 17% in Universitäten.

Ich finde es toll, dass sich die Autoren Prof. R. Salzer, P. Taylor, N. Macjen, Prof. E. A. Varella und Dr. I. Kozaris die Mühe gemacht haben, vielen Dank! Wir brauchen mehr belastbare Daten über die Arbeitsmarktsituation von Chemikern in Europa.

Arbeitsmarktlage – Bericht der Bundesagentur für März

Laut Arbeitsmarktbericht für März ist die Arbeitslosenzahl weiter gesunken, jetzt sind wir bei 2,93 Millionen und einer Quote von 6,8%.

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland wird nach zuletzt eher pessimistischen Stimmen (wahrscheinlich, weil Tarifverträge verhandelt wurden) weiter als gut eingeschätzt, wie das IAB schreibt. Ein Grund dafür ist der wachsende private Konsum, aber auch die Investitionen steigen wieder.
Das IAB ist übrigens das zur Bundesagentur für Arbeit gehörende Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Interessant wären detaillierte Zahlen für Chemiker, die kommen aber erst später im Monat, und ich prophezeie hier keine großartigen Veränderungen. Die bisherigen von mir extrahierten Zahlen sind ja bei Statistik der Arbeitssuchenden auf der Seite verfügbar.

Statistik der Chemiestudiengänge

Wie jedes Jahr hat die GDCh auch 2014 ihre Statistk der Chemiestudiengänge veröffentlicht. Auf 63 Seiten kann alles wichtige zu Studiendauern, Zusammensetzung der Studierenden, Studiengänge etc. nachgeschlagen werden, auch aufgeschlüsselt auf die verschiedenen deutschen Universitäten.

Es gibt viele Daten, daher empfehle ich allen Interessierten, selbst dort reinzuschauen. Ein Zitat daraus möchte ich aber niemandem vorenthalten:

Der Arbeitsmarkt für die promovierten Berufseinsteiger war etwas schwieriger als im Vorjahr. Dies äußerte sich nicht in der Zunahme der stellensuchenden Absolventen, sondern der Zunahme derer, die zunächst nur eine befristete Stelle fanden. Auch (nicht repräsentative) Rückmeldungen von Jungchemikern verschiedener Hochschulen deuteten darauf hin.

Promovierte Chemiker

Vielleicht liegt das auch daran, dass sich die Zahl der promovierten seit 2007 (ca. 1250) auf ca. 1750 erhöht hat. Von diesen promovierten gehen 33% in die chemische/pharmazeutische Industrie, 21% machen einen Postdoc, 9% sind stellensuchend. Der Rest des Kuchens ist auf Seite 10 der Veröffentlichung zu sehen.

Anfängerzahlen

Auch interessant sind die Anfängerzahlen, die nach einem kleinen Durchhänger 2006 bis 2008 stetig ansteigen (siehe Bild). Es scheint also auch zukünftig nicht auf den viel beklagten Fachkräftemangel herauszulaufen, eher auf das Gegenteil.

Studienanfängerzahlen Chemie über die Zeit
]2 Studienanfängerzahlen Chemie über die Zeit

Fachkräftemangel 2020?

In den aktuellen Nachrichten aus der Chemie (7/8 2014, S. 833) gibt es eine neue Hiobsbotschaft für die Chemieindustrie:

Bis zum Jahr 2020 fehlen der deutschen Chemieindustrie nach einer Studie der Bonner Wirtschafts-Akademie bis zu 15000 Fachkräfte. Diese Ansicht vertreten 41% der befragten Personalverantwortlichen, und ebenso viele gehen von bis zu 25000 unbesetzten Fachstellen aus.

Diese 82% der Personalverantwortlichen beneide ich um Ihre hellseherischen Fähigkeiten. Aber es geht weiter:

Derzeit bemerken 73% der Chemieunternehmen allerdings keinen nennenswerten Fachkräftemangel.

Vielleicht liegt das daran, dass es keinen Fachkräftemangel gibt.

Dennoch sinken die Bewerberzahlen, damit einhergehend passen viele Bewerbungen nicht auf das ausgeschriebene Anforderungsprofil und etliche Anwärter verfügen nicht über die nötige Fachkompetenz.

Sind die Anforderungsprofile vielleicht überzogen? Eventuell sollten die Firmen auch etwas Zeit in Einarbeitung investieren.

Und ab wann ist man überhaupt Fachkraft? Als CTA? Bachelor? Master? Doktor?

In der gleichen Ausgabe zeichnet der Artikel „Der Arbeitsmarkt – aus der Sicht von Jungchemikern“ (S. 813) ein anderes Bild. Zwei Zitate daraus:

Personaler fragen nach dem Jahresgehaltswunsch und bekommen – übertrieben gesagt – einen Herzkasper, wenn sie die Zahl 69000 Euro mit dem Verweis auf die aktuelle Statistik des VAA hören.

Angebote aus der klein- und mittelständischen Industrie lagen im Bereich von 35000 Euro Jahresbrutto.

Man kann hier nur daran erinnern, dass auch der Arbeitsmarkt ein Markt ist, in dem zumindest bedingt, die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten. Im Post „Gehaltsentwicklung tariflich bezahlter Chemiker“ kann man sich nochmal die Entwicklung der Tarifgehälter seit 1998 anschauen.

Vielleicht kann man also dem Fachkräftemangel durch faire Gehälter entgegenwirken… Was meint Ihr, liebe Leser?