Lektüre für die Sommerpause

Ich habe mich ja am Montag mit drei Stellen für Chemiker in die Sommerpause verabschiedet. Damit Ihr etwas zu lesen habt, möchte ich Euch hier aber ein paar Lese-Anregungen aus diesem Blog geben:

Außerdem lohnt sich immer der Besuch bei Chemjobber für Nachrichten vom amerikanischen Arbeitsmarkt für Chemiker.

Habt Ihr Fragen oder interessante Themen, über die ich nach der Sommerpause im September schreiben soll?

Hohe Arbeitskosten in der Chemiebranche?

Der BAVC berichtet in seiner neuesten Impuls-Ausgabe über hohe Arbeitskosten in der Chemiebranche. Im Vergleich zu 2015 seien diese um 1,9 % auf 53.97 €/h gestiegen, was wohl 85.000 €/Jahr ausmacht. Zum Vergleich: Die Kosten in der Automobilindustrie lagen laut statista 2013 bei 48,4 €/h.

31,5 % dieses Betrags sind „zusätzliche Kostenbestandteile“ wie Sozialversicherung oder Altersvorsorge. Mir ist nicht so klar, was hier die Aussage ist.

Die Entgelte der Beschäftigten sind von 2012 bis 2016 um 8,6% gestiegen und treiben dadurch die Arbeitskosten nach oben.

Nach meiner Berechnung sind das 2,1 % Steigerung pro Jahr…Ich finde jetzt nicht, dass diese Steigerung zu hoch ist. Im

Hierzu empfehle ich auch meinen Post Gehaltsentwicklung tariflich bezahlter Chemiker von 2014.

Chemiestudierende 2016 – Die Anfängerzahlen

Wie jedes Jahr hat die GDCh auch die neusten Studienanfängerzahlen für Chemiestudierende 2016 veröffentlicht. Auf der Statistikseite der GDCh sind diese aktuellen Zahlen zu finden.

Ich habe auch in den letzten Jahren Artikel zu der Veröffentlichung geschrieben, z.B. zu den Anfängerzahlen 2015 oder in den Berufsaussichten für Chemiker 2017.

Die Anfängerzahl 2016 bleibt auf dem Niveau der Vorjahre (siehe Abbildung 1), während die Zahl der Promotionen seit 2007 steigt, jetzt auf über 2000 (Abbildung 2).

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Abbildung 1: Studiengang Chemie: Studienanfänger im Diplom- und Bachelor-Studiengange (Quelle: GDCh | Chemiestudiengänge in Deutschland – Statistische Daten 2016)

Positiv ist, dass weniger Absolventen arbeitssuchend waren als noch 2015. Ungefähr ein Drittel geht in die chemische oder pharmazeutische Industrie, ein Fünftel macht laut den Angaben Postdoc im Inland.

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Abbildung 2: Studiengang Chemie: Bestandene Promotionen (Quelle: GDCh | Chemiestudiengänge in Deutschland – Statistische Daten 2016)

Die nächsten Jahre

Wenn man ca. 10 Jahre bis zur fertigen Promotion rechnet und sonst alles gleich bleibt, dann bleiben die Promotionen ein paar Jahre auf dem Niveau und steigen dann weiter an. Aber das ist nur ein Blick in die Kristallkugel.

Auf alle Fälle ist vor allem die immer weiter steigende Zahl der Promovierten sehr interessant. Diese wird den Druck aus dem Arbeitsmarkt zumindest von der Angebotsseite her nicht rausnehmen, meine ich. Was meint ihr, liebe Leser?

Innovationskrise in der Chemiebranche?

Die provokante These einer kommenden Innovationskrise in der Chemiebranche vor der Krise vertritt John Gapper in einem Artikel in der Financial Times („The chemicals industry has lost its future„, Paywall-Link).

Leider konnte ich diesen nicht lesen. Es gibt allerdings eine Erwiderung auf seekingalpha.com, in der John Abbink argumentiert, dass diese Berichte über einen Niedergang stark übertrieben sind.

Seit den 1950er Jahren gibt wohl es keine neuen chemischen Materialklassen mehr. Herr Abbink argumentiert aber, dass Nanomaterialien kurz vor der Massenproduktion stehen und eine solche neue Klasse sind. Momentan würden die Technologien dafür entwickelt. Dies sieht er als notwendige Prozessinnovation vor der Materialinnovation.

Insgesamt empfehle ich, den ganzen Artikel zu lesen. Der Autor schildert die Entwicklung der Industrie seit den 1970er Jahren und gibt auch eine Übersicht über Fusionen und Spinoffs (mein Artikel über Megafusionen deckt nur die letzten Jahre ab).

Außerdem versucht er, zu widerlegen, dass es eine Innovationskrise gibt, sondern dass die letzten 30 Jahre in die Entwicklung von sogenannten Effektchemikalien vorangetrieben wurde.

Zum Abschluss noch ein mutmachendes Zitat aus dem Artikel von Herrn Abbink:

The chemical industry is not senescent, it has not sacrificed its future to investment bankers or hedge funds, it is not at a technological dead end, it will not crush itself under excess capacity and it will not forever suffer from the sorts of market valuations to which it has been subjected since the 1980s. Chemistry, after all, is the science of the material world: the idea that the business of manipulating matter has reached its apogee is absurd.

Der Chemiker der Zukunft

Beim Lesen von Jobangeboten und Annoncen (auf meiner Jobseite findet man welche) stolpere ich öfters über die Anforderungen an den Bewerber. 

Ein extrem sind Punkte wie Kenntnisse in MS Office/Excel/Powerpoint oder ein Englischkenntnisse. Hier vermute ich, dass dies den Bewerberkreis überhaupt nicht einschränkt, weil das jeder kann.

Auf der anderen Seite gibt es die Forderung nach zehnjähriger Berufserfahrung in einem sehr exotischen Randgebiet der Chemie. 

Das hat mich zu der Frage gebracht, was denn ein Chemiker in fünf oder zehn Jahren können sollte, um möglichst gute Chancen zu haben. Natürlich neben einer guten Promotion 

Hier meine Vorschläge:

  • IT-Kenntnisse, erste Programmiererfahrungen und Verständnis von Datenbanken,
  • Chinesisch,
  • Gute Kommunikationsfähigkeit,
  • BWL-Grundlagen, am Besten durch eine Unternehmensgründung während des Studiums, 
  • Verständnis für biologische und biochemische Prozesse,
  • Verständnis des cradle-to-cradle Konzeptes…

Das ist durchaus ernst gemeint. Was fällt Euch noch ein? Kann man das im Studium lernen? 

Schreibt es in die Kommentare, ich bin gespannt. 

Die Wacker Chemie nach 1952

In der Serie über die Nachfolgeunternehmen der IG Farben (bisher habe ich HoechstAgfaBayer und die BASF beschrieben) möchte ich heute die Wacker Chemie vorstellen, mit besonderem Blick auf große oder Megafusionen. Auch hier sind die Daten von Wikipedia.

Zerschlagung der IG Farben

Ich wusste nicht, dass Wacker mal zu 50% zur Hoechst AG gehörte, aber von 1921 bis zur Gründung der IG Farben war das so. Daher gingen 1952 49% von Wacker Chemie wieder zur Hoechst AG.

Nach Zerschlagung der IG Farben hat Wacker mit der Erforschung von Silikonen und Silicium begonnen. 1965 wurde eine amerikanische Tochtergesellschaft gegründet und 1969 eine 33% Beteiligung an der SWS Silicones Corp. eingegangen, die 1981 auf 50% augestockt werden konnte.

Wacker Chemie im neuen Jahrtausend

1999 erst konnte die Familie Wacker ihre Anteile an der Firma auf 51% erhöhen und 2005 die Anteile von Hoechst zurückerwerben. Eine Aktiengesellschaft wurde die Firma 2005.

2010 wurde die Siliziumproduktion in Holla (Norwegen) von FESIL gekauft und der koreanische Siliziumhersteller Lucky Silicones von Henkel erworben.

2011 wurde die Sparte der Reifentrennmittel an die Rhein Chemie verkauft, 2015 Siltronic an die Börse gebracht.

Jobs

Wacker sucht immer wieder Chemiker, z.B. als Laborleiter oder als Compliance-Spezialisten. Gerne könnt Ihr auch nach Wacker auf meiner StepStone-Seite suchen.

Fazit

Die Aquisitionshistorie bei der Wacker Chemie liest sich viel weniger spannend als die der anderen Nachfolgeunternehmen. Ob das an der Größe liegt oder daran, dass Wacker ja doch ein Familienunternehmen ist?

Was meint Ihr?

Die Entwicklung der BASF seit 1952

In der Serie über die Nachfolgeunternehmen der IG Farben (bisher habe ich HoechstAgfa und Bayer beschrieben) möchte ich heute die BASF vorstellen, mit besonderem Blick auf große oder Megafusionen. Auch hier sind die Daten von Wikipedia.

Darstellung der Übernahmen der BASF seit 1952 über die Zeit.
Entwicklung der BASF durch Übernahmen.

Neugründung bis 1970

1952 gründete sich die Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG neu, und schon damals war ein starker Fokus auf die Kunststoffproduktion erkennbar. Neben dem Aufbau von ausländischen Produktionsstandorten (wie auch bei Bayer) wurde ein Gemeinschaftsunternehmen mit Dow gegründet.

1965 stieg die BASF mit der Übernahme von Glasurit in den Lackbereich ein und übernahm 1967 mit Dr. Beck & Co einen weiteren Großen der Lackbranche.

In die Pharmabranche stieg die BASF 1968 mit der Übernahme der Nordmark-Werke Hamburg ein.

Die Wintershall AG wurde 1969 Teil der BASF um so die Rohstoffversorgung zu sichern.

Namensänderung in BASF AG

Die Namensänderung zu BASF erfolgte 1972, wahrscheinlich auch, um die größere Produktvielfalt auszudrücken.

Der Pharmabereich wurde in den nächsten Jahren durch die Übernahme der Knoll AG ausgebaut und eine Kooperation mit Shell wurde begonnen.

1985 konnte die BASF die Faserverbundwerkstoffe von Celanese in den USA übernehmen.

Außerdem konnte nach dem Fall des eisernen Vorhangs eine Kooperation mit Gazprom gestartet werden.

Größere Übernahmen

Im Zuge einer Neuausrichtung wurden ungefähr ab den 2000er Jahren größere Unternehmen(steile) übernommen, z.B. im Pflanzenschutz Produkte von Bayer und von American Home Products Corp., sowie das Vitamingeschäft von Takeda. Diese Übernahmen sollten wohl eine gewisse Größe der BASF in den Kernbereichen sicherstellen.

Außerhalb der Kernbereiche wurde verkauft, z.B. die Pharmasparte an Abbott oder die Kali+Salz-Anteile, dafür wurden dann die Bauchemie von Degussa und die Engelhard Corp., Ciba, Cognis und Chemetall übernommen.

Fazit

Mein Fazit ist amateurhaft und entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Methode, ich finde aber, dass es die BASF sehr gut geschafft hat, sich zum größten Chemieunternehmen der Welt zu entwickeln, ohne ein zu negatives Echo bezüglich ihrer Portfolioaktivitäten auszulösen.

Für  Chemiker ist sie der Arbeitgeber Nummer eins in Deutschland. Wie steht Ihr zur BASF? Welche Übernahmen oder Verkäufe erwartet Ihr?

Die Entwicklung der Bayer AG nach 1945

In der Serie über die Nachfolgeunternehmen der IG Farben (bisher habe ich Hoechst und Agfa beschrieben) möchte ich heute die Bayer AG nach 1945 vorstellen. Motiviert wurde ich ja durch die Megafusionen der letzten Zeit. Die Daten habe ich wieder von Wikipedia.

Entwicklung der Bayer AG nach Zerschlagung der IG Farben
Entwicklung der Bayer AG nach 1945 und der Zerschlagung der IG Farben (Template von http://keynotetemplates.com).

Bayer AG nach 1945

Schon nach Kriegsende wurde die neue Bayer AG mit den Standorten Dormagen, Elberfeld, Leverkusen und Uerdingen neu gegründet. In dieser Zeit mussten sich laut Wikipedia „Chemiker als Glaser oder Sekretäre als Schreiner betätigen“.

Schon 1954 wurden internationale Produktionsstätten eröffnet und in den USA wurde ein Gemeinschaftsunternehmen mit Monsanto gegründet, die Rechte für den Namen Bayer besaß Bayer in den USA bis 1995 nicht, das Unternehmen hieß Mobay. 1967 kaufte man die Tochter zu 100%. Ich wusste bisher nicht, dass es so früh schon eine Zusammenarbeit mit Monsanto gab.

1957 wurde in die Petrochemie investiert. 1962 besaß das Unternehmen dann 61.000 Mitarbeiter bei einem Umsatz von 4 Mrd. DM.

1964 konnte die Bayer Tochter Agfa mit Gevaert fusioniert werden (siehe auch meinen vorherigen Post).

Spartenstruktur

1971 wurde eine neue Konzernstruktur mit Sparten eingeführt. Was ich interessant finde, ist die Führungsstruktur dieser Sparten, und zwar wurden je ein Chemiker und ein Kaufmann Spartenleiter.

1981 wurde Agfa-Gevaert zu 100% übernommen und Miles Inc. gekauft und 1990 hatte Bayer 171.000 Mitarbeiter bei ca. 42 Mrd. DM Umsatz.

Holding

Ab 2001 wurde umstrukturiert und eine Holding gegründet. Pflanzenschutz und Saatgutbereich wurden von Aventis gekauft, 2005 wurde der Kunststoffbereich als Lanxess an die Börse gebracht und die OTC-Sparte von Roche gekauft und 2006 Schering übernommen.

2014 wurde die Pharmafirma Algeta übernommen, und das Consumer-Care-Geschäft von Merck & Co, Inc., außerdem wurde der Spin-off von MaterialScience als Covestro für 2015 bekanntgegeben.

Und 2016 wurde ein Übernahmeangebot an Monsanto gemacht, momentan sieht es so aus, als ob diese Übernahme stattfinden kann.

Fazit

Auch hier sieht man eine ähnliche Entwicklung wie bei Hoechst, allerdings scheint man hier etwas erfolgreicher gewesen zu sein. Interessant finde ich vor allem die strategische Neuausrichtung in der Holding-Zeit weg vom Generalisten zum spezialisierten Pharma- und Agrochemiekonzern. Mal sehen, wie lange die beiden Bereiche nebeneinander existieren. Was meint Ihr?

Die Entwicklung von Agfa nach 1952

Neben der Hoechst AG, über deren Werdegang nach 1952 ich letzte Woche geschrieben habe, war auch die Agfa eine Nachfolgefirma der IG Farben.

Agfa seit 1952

Auch hier habe ich eine Zeitleiste erstellt, die etwas übersichtlicher als im Fall Hoechst ist. Die Vorlage kommt wieder von http://keynotetemplate.com.

Entwicklung der Agfa AG seit 1952.
Entwicklung der Agfa AG seit 1952.

Die Agfa AG wurde nach dem Ende der IG Farben, da ihre Werke über die Zonen verstreut waren, zunächst bei Bayer zugeschlagen. 1952 und 1952 wurden dann in Leverkusen und München zwei AGs gegründet, die 1957 zusammengefasst wurden.

Nach einigen kleinen Übernahmen kam dann 1964 die Fusion mit der belgischen Gevaert. Die Agfa-Gevaert-Gruppe beinhaltete dann die Agfa-Gevaert AG in Leverkusen und die Gevaert-Agfa N.G. in Morstel.

1981 hat Bayer die Gruppe übernommen, 1983 betrug der Umsatz 5.9 Mrd. DM. 1999 wurde das Unternehmen an die Börse gebracht, Bayer hält 30%, Gevaert N.V. noch 25%.

Die Disruption

Durch den Aufstieg der Digitalphotographie, von dem das Unternehmen ein bisschen überrascht worden zu sein schien, musste sich das Unternehmen neu aufstellen, inzwischen ist die Firma im Healthcare-, Graphics- und Materials-Bereich aktiv.

Für diese Bereiche braucht man vermutlich weniger Chemiker als für den Analogfilmbereich, wenn man mal von Materials absieht. Anscheinend verkauft Agfa PEDOT/PSS-Materialien.

An diesem Beispiel kann man sehen, was eine disruptive Innovation mit einem großen Unternehmen anrichten kann und was dieses Unternehmen in der Folge tun kann. Auch interessant finde ich, dass Bayer noch immer Anteile an Agfa zu haben scheint.

Alle Daten sind aus Wikipedia, dort ist die Geschichte noch viel ausführlicher beschrieben.

Weitere Infomationen zu Agfa und den Anfängen der Fotografie gibt es auch in einer aktuellen Wochenschau der GDCh.

Alle Daten sind natürlich ohne Gewähr.