Neues vom Arbeitsmarkt bis Juli 2019

Unter https://blog.stellen-fuer-chemiker.de/statistiken/ trage ich ja immer die aktuellen Arbeitslosenzahlen für Chemiker auf.

Und ich bin immer noch überrascht, wie stabil die Zahlen für die „Experten“ sind, also für Personen, die mindestens vier Jahre studiert haben. Die arbeitslosen Experten liegen seit Jahren bei ca. 2500, mit einer leicht fallenden Tendenz seit 2016.

Hier ist also noch keine Trendwende zu erkennen. Bei den als suchend gemeldeten Chemikern beginnt die Kurve wieder leicht zu steigen. Gehört Ihr auch zu den suchenden? Dann schaut doch mal meine Karte mit offenen Stellen an. Da könnt Ihr gezielt für Eure Region suchen.

Seit neuestem generiere ich die Karte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, weiteres darüber in einem späteren Post.

Agile Chemieindustrie?

Eine alte Regel in der Welt der Promi-Magazine ist, dass man Fragen in Überschriften in der Regel mit „Nein“ beantworten kann. So ist meine Frage zur agilen Chemieindustrie nicht gemeint, für mich ist die Antwort da offen.

Wem es ähnlich geht wie mir, der kann am 15. Oktober 2019 nach Essen zu einer VCW-Konferenz fahren. Thema wird auf neudeutsch „Tanker or Speedboat? Agile Management in the Chemical Industry“ sein.

Tanker or Speedboat?

Für mich ist der Titel der Konferenz mehrdeutig. Tanker oder Schnellboot – das könnte schon wertend sein oder aber bedeuten, dass man sich klar werden muss, ob das eigene Unternehmen ein Tanker oder ein Schnellboot ist oder vielleicht eine Flotte verschiedener unterschiedlicher Schiffe.

Mir gefällt die zweite Variante besser, weil das heißt, dass sich die Unternehmensführung für eine Strategie entscheiden muss.

Vorbild Automobilindustrie?

Customer orientation, faster time-to-market and fail-early are key elements of agile processes and the related organizational structures. They are the answers to the challenges of the new VUCA business world and the accelerating pace of change. Here the Chemical Industry can learn from other industries, e.g. Automotive.

siehe Link zur Konferenz oben

Ob es wirklich eine „neue“ VUCA (volatile, uncertain, complex, ambiguous) Welt gibt? Oder muss hier das Buzz-Acronym zusätzliche Aufmerksamkeit generieren? Dann fehlt mir noch Scrum und machine learning in der Beschreibung ;).

Den Problemstellungen stimme ich aber zu. Auch mag die operative bzw. die Produktionsseite in der Automobilindustrie teilweise schon Antworten auf Fragen wie Time-to-market oder Fail-early haben, die Strategie besonders der großen und alten deutschen und amerikanischen Automobilkonzerne wirkt auf mich nicht besonders frisch und agil. Auch die Abgasproblematik bei Dieselmotoren war kein fail-early, im Gegenteil.

Oder meint man hier mit Agilität vielleicht auch das, was Toyota seit circa 70 Jahren mit seinem TPS/Lean macht?

Lean und die agile Chemieindustrie

Was auch immer hier gemeint ist, ich finde, das ist ein spannendes Thema, auch für das Innovationsmanagement. Besonders, weil es zwischen Prozessindustrie und Automobilindustrie und Maschinenbau große Unterschiede gibt.

Um ein paar zu nennen: In der Prozessindustrie fertige ich kontinuierlich oder in Batches, habe oft Rohstoffe und Fertigwaren mit begrenzter Haltbarkeit und weiß oft nicht so viel über meine Rohstoffe außer den Namen und die Spec. Schließlich habe ich besonders in der Formulierung unzählige Wechselwirkungen, die ich vorher nicht berechnen kann.

In der Automobilindustrie habe ich diskrete Einheiten als Produkt, meine Bauteile und Fertigprodukte haben meist recht lange Haltbarkeiten und ich kann oft auf ein Baukastensystem zurückgreifen und einzelne Eigenschaften getrennt optimieren.

Daher finde ich die Konferenz interessant und würde mich freuen, wenn daraus der eine oder andere Artikel oder vielleicht sogar ein Buch über die „Agile Chemieindustrie“ werden könnte.

Die Merck KGaA

Vor knapp zwei Jahren habe ich in einer Serie über die IG Farben einige der bedeutendsten Chemieunternehmen in Deutschland vorgestellt. Das waren Agfa, BASF, Bayer, Hoechst und Wacker. Daran möchte ich heute anknüpfen und kurz über ein weiteres großes Chemieunternehmen, die Merck KGaA, schreiben.

Ursprünglich kommt sie eher aus der Pharmabranche. Im Jahr 1668 als Apotheke in Darmstadt gegründet, ist sie bis heute ein Familienunternehmen.

Es gibt auch noch eine amerikanische Merck. Die amerikanische Tochterfirma wurde im ersten Weltkrieg beschlagnahmt und anschließend eine eigenständige Firma.

Nur am Rande, warum die Firma damals nicht in die IG Farben eingegliedert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht lag es an der NSDAP-Mitgliedschaft des Unternehmensleiters oder an einer fehlenden strategischen Übereinstimmung. Mehr zu Merck in der NS-Zeit gibt es auch als Buch oder bei Wikipedia.

Aber zurück zur Chemie. Spätestens seit den 1960er Jahren ist das Unternehmen ein wichtiger Player in der Chemiebranche. Die Flüssigkristalle, die in LCDs gebraucht werden, wurden zu dieser Zeit bei der Merck KGaA zur Reife entwickelt.

Neue Entwicklungen bei Merck in der Chemie

Wie ich berichtet habe, hat Merck 2019 die Spezialchemiesparte von Air Products gekauft, die Halbleiterchemikalien herstellte. Vor vier Jahren wurde Sigma-Aldrich erworben, der zumindest im Universitätsumfeld sehr bekannte Chemikaliengroßhändler. Das Unternehmen scheint also in den Bereichen Spezialchemie und Chemiedistribution diversifizieren zu wollen.

Außerdem möchte die Firma die Entwicklung vom LCD zum OLED-Display mitmachen und bietet Materialien für OLEDs an.

Hitze in der Chemie

Die von der Arrhenius-Gleichung abgeleitete Regel, dass sich bei einer Erhöhung der Temperatur um 10 K die Reaktionsgeschwindigkeit verdoppelt bis vervierfacht, ist bestimmt jedem Chemiker seit dem Grundstudium bekannt.

Bei der momentanen Hitze sollte es also deutlich schneller gehen, einen guten Post für den Blog zu schreiben, oder? Leider nein, meine Konzentrationsfähigkeit ist zur Zeit nicht besonders ausgeprägt. Daher hier eine kurze Sammlung von unzusammenhängenden Fakten über Chemie und Temperatur.

Temperaturen um 35 °C

Ab 35 °C beginnt Diethylether zu sieden, momentan ist es also keine so gute Idee, die Reaktionsprodukte mit Pentan/Ether-Gemischen zu eluieren. Die Säule beginnt dann zu kochen, was der Trennwirkung nicht zuträglich ist.

Mit der Luft erwärmen sich auch die Gewässer. Dies hat Auswirkungen auf Flora und Fauna. Unterschiedliche Lebewesen haben unterschiedliche Temperaturoptima, und auch chemische Reaktionen in den Gewässern können durch erhöhte Temperaturen anders ablaufen.

Enzyme z.B. haben oft höhere Aktivitäten bei Temperaturen zwischen 35 und 38 °C, was dann zu höherem Stoffwechsel führen kann. Einige Infos dazu gibt es auf der Seite vom bayerischen Landesamt für Umwelt.

Und die Industrie?

Nicht nur die Natur wird beeinflusst, Auswirkungen gibt es auch auf Industrieanlagen, die dann möglicherweise weniger erwärmtes Kühlwasser zurückführen dürfen.

Im letzten Jahr musste z.B. die BASF an manchen Tagen die Produktion senken, weil sie nicht mehr so viel Kühlwasser entnehmen durfte. Im Bericht des Manager Magazins geht aber nicht hervor, ob dies am niedrigen Pegelstand lag oder an den höheren Temperaturen.

Dann müssen Industrieanlagen und Produktionshallen entweder bei höheren Temperaturen betrieben werden oder wie oben erwähnt die Abwärme erzeugende Produktion gesenkt werden. Nicht schön für die betroffenen Firmen.

Über den Klimawandel möchte ich in diesem Beitrag übrigens nicht sprechen, das hab ich ja schon gemacht.

Abkühlung von der Hitze

Und wie kann man sich bei der Hitze zumindest im Kleinen kühlen? Auf der sehr informativen Seilnacht-Seite gibt es Tipps. Wie wäre es z.B. mit drei Teilen Eis und einem Teil Kochsalz für ein Kühlmedium von -20 °C? So kriegt man sein Getränk schnell kalt.

Machine learning für Jobklassifizierung

Ich hab ja schon einiges über Digitalisierung, machine learning (siehe auch machine learning in der Chemie) und artificial intelligence (AI) geschrieben.

Lange habe ich auch nach einer praktischen und sinnvollen Anwendung für machine learning gesucht. Inzwischen meine ich, die für mich gefunden zu haben.

Für meine Joblandkarte bekomme ich von StepStone Jobtitel, Beschreibung und Koordinaten geliefert. Allerdings sind dort auch für Chemiker weniger interessante Jobs z.B. für Biologen oder Ingenieure enthalten. Daher bewerte ich momentan noch von Hand die Relevanz, um diese rauszufiltern.

Das könnte doch auch ein Programm machen

Gedacht, getan. Schnell ein Jupyter-Notebook geöffnet, ein Beispiel auf realpython gesucht, und los geschrieben.

Die erste Herausforderung ist, die vorliegenden Daten in eine vernünftige und auswertbare Form zu bringen. Ich habe die Beschreibung vektorisiert und die Vektoren dann in Trainings- und Testdaten aufgeteilt. Da ich nicht so viele Daten habe, musste ich auf separate Validierungsdaten verzichten.

Mit diesen Trainingsdaten habe ich dann ein TensorFlow-Modell mit Keras erstellt. Und dieser erste Versuch lieferte eine Trefferwahrscheinlichkeit von ca. 82%. Ganz ok für den ersten Versuch. Allerdings wäre eine Logistic Regression in diesem Fall genauso gut.

Ich werde das Modell noch verfeinern und hoffentlich irgendwann produktiv einsetzen können.

Machine learning – Der Einstieg ist einfach

Es ist sehr einfach, mit Python, Jupyter, Keras und TensorFlow schnell ein mehr oder weniger (eher weniger) gutes neuronales Netz aufzusetzen und damit rumzuprobieren. Wer mehr wissen will, sollte den Artikel auf Realpython gut lesen.

Job bei TÜV Süd

Eine bekannte hat mich auf einen interessante Stelle beim TÜV Süd aufmerksam gemacht:

Gesucht wird ein Wissenschaftler / Ingenieur (w/m/d) als Sachverständiger im Bereich Entsorgung radioaktiver Abfälle. Dieser sollte Chemie studiert haben, schon Fachkenntnisse in der Kerntechnik und Strahlenschutz-Grundkenntnisse haben. Da gibt es bestimmt nicht viele Leute, aber vielleicht liest das ja jemand, der darauf passt und nach München ziehen möchte.

Der Klimawandel

Das ist jetzt ein bisschen off-topic, aber heute morgen habe ich folgende Meldung im heise newsticker gelesen:

Missing Link: Klimawandel und Wirtschaft – ein Index der ökologischen Verantwortung
Würden alle Unternehmen wie die Unternehmen des Börsenindex DAX 30 wirtschaften, würden sie eine Erderwärmung von 4,94 °C bis 2050 erzeugen.

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Klimawandel-und-Wirtschaft-ein-Index-der-oekologischen-Verantwortung-4436107.html

Schockiert das jetzt jemanden? Oder sind wir schon tief in einer kognitiven Dissonanz, dass wir denken, das betrifft uns nicht?

Wir nehmen es zur Kenntnis, dann steigen wir ins Auto und fahren die paar Meter zum Einkaufen ins neue Gewerbegebiet außerhalb des Wohnbereichs. Da gibt es mehr Parkplätze.

Es ist verrückt.

Wir wissen eigentlich alles, oder wir hätten die Möglichkeit, es herauszufinden, aber wir handeln nicht danach. Klar, die Politik müsste es richten, aber wir sind erstmal gegen die Pläne für Ökosteuer, CO2-Steuer, etc.

Taten statt Worte!

Zum Thema passt auch dieser Artikel: https://blog.stellen-fuer-chemiker.de/trendbericht-zukunft-der-chemie-in-den-nachrichten-aus-der-chemie/

Wo arbeiten Chemiker?

In den letzten Nachrichten aus der Chemie vom Mai 2019 habe ich auf S. 6 eine Notiz über die Verteilung von Physikern auf dem Arbeitsmarkt gelesen.

Einer Untersuchung der Deutschen Phsikalischen Gesellschaft nach arbeiten nur 20% der Physiker als Physiker nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit.

Der Rest ist in Beratung, als Ingenieur, in der IT etc. tätig.

Ich habe mich daraufhin gefragt, wie eine solche Verteilung bei Chemikern aussehen würde. Nach meinem Bauchgefühl sollte ein größerer Anteil tatsächlich als Chemiker arbeiten. Leider habe ich im Internet keine Daten dazu gefunden.

Kennt Ihr dazu Quellen?

Arbeitsbedingungen in der Chemie

Wie geht es uns Angestellten in der chemischen Industrie eigentlich? Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Bevor ich auf diese Fragen eingehe, möchte ich auf die Vermächtnis-Studie der ZEIT hinweisen. Im Rahmen der Studie gab es ein Interview mit der Psychologin Jutta Allmendinger, in dem sie folgendes gesagt hat:

Die Menschen nehmen sehr genau wahr, dass Arbeit in diesem Land längst nicht immer gute Arbeit ist. Sie sind aber geschickt darin, sich von dieser Erkenntnis abzuschotten und die eigene miese Arbeit positiv aufzuladen, das Beste daraus zu machen.

Jutta Allmendinger, https://www.zeit.de/2019/20/jutta-allmendinger-soziologin-soziale-ungleichheiten-deutschland-arbeit-selbstwahrnehmung-vermaechtnis-studie

Das übersetze ich so, dass man vorsichtig sein soll, was die Menschen über sich und ihre Arbeit behaupten, sie könnten sich unbewusst schützen wollen.

Aber jetzt zum Thema: Der Chemanager hat eine Infographik zu den Arbeitsbedingungen in der deutschen Chemieindustrie veröffentlich.

Zwei Fakten daraus:

  • 68% der Beschäftigten in der Chemieindustrie sind tarifgebunden beschäftigt.
  • Mit 66.135 Euro Mindestbezug für Diplom- oder Masterchemikern hat dieser die sechsfache Kaufkraft wie vor 100 Jahren (2880 Reichsmark). Statt 2.500 Stücken Butter kann er sich also 15.000 Stücke Butter kaufen.

Wow, so viel Butter. Glaubt man übrigens der Presse, dann musste ein Durchschnittsverdiener 1960 39 min für das Stück Butter arbeiten, 2009 nur noch vier Minuten (Faktor 10!).

Und meine Arbeitsbedingungen?

Klar kann ich meine Arbeitsbedingungen mit denen eines hypothetischen Chemikers vor 100 Jahren vergleichen, aber bringt uns das weiter? Wir stehen ja vor einer unsicheren Zukunft (Digitalisierung…)

Auch der Vergleich mit Chemikern in China oder Indien lässt mich gut dastehen, bringt aber weder mich noch die deutsche chemische Industrie weiter, die so einen Vergleich höchstens zum Anlass nimmt, den unflexiblen deutschen Arbeitsmarkt anzumahnen.

Aus meiner Sicht als Arbeitnehmer muss ich ja meine Arbeitsbedingungen mit möglichen anderen Karrierewegen dort, wo ich arbeiten möchte (siehe meine Jobkarte), vergleichen. Theoretisch könnte man das ja bei Jobvergleichsportalen tun. Die besten Firmen haben da dummerweise aber oft nur eine Bewertung und da arbeiten ja auch viele Nicht-Chemiker.

Bei einem großen Vergleichsportal erreicht die Chemiebranche übrigens 3,12 von 5 Sternen, der Gesamtschnitt ist bei 3,39.

Ich kenne also weder vernünftige Datenquellen noch Möglichkeiten, diese Frage vernünftig zu bewerten.

Kennt jemand Studien?

P.S. Natürlich gibt es auch noch ein Video der Chemiearbeitgeber.