Tarifrunde 2019

Wen interessiert die Tarifrunde 2019 in der Chemieindustrie? Viele von uns sind außertariflich oder bei nicht tariflich gebundenen Unternehmen beschäftigt. Inzwischen sind laut der Chemie-Arbeitgeber noch 580.000 Arbeitnehmer tarifgebunden. Laut Tariftaschenbuch der Böckler-Stiftung wären das noch 45% der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe bzw. 63% in Energie/Wasser/Abfall & Bergbau.

Auch, wenn man nicht nach Tarif beschäftigt wird, lohnt es aber sich, die Tarifrunde 2019 für die Chemieindustrie zu verfolgen. Sie sagt doch viel über die Zukunftserwartung der beiden Tarifparteien.

Dieses Jahr also konnten sich die Tarifparteien noch nicht einigen. Die Arbeitnehmer warnen vor einer konjunkturellen Eintrübung und einem belastenden Strukturwandel. Außerdem möchten sie mehr Flexibilität der Arbeitnehmer statt mehr Freizeit und auch mehr Eigeninitiative bei der Weiterbildung.

Ich finde, jeder ist hauptverantwortlich für seine Weiterbildung, aber Geld bzw. Zeit vom Arbeitgeber schadet da sicher nicht als Anreiz.

Die Gegenposition ist natürlich von der IG BCE, die ein Zukunftskonto für jeden Beschäftigten (1000.- p.a.), eine Pflegezusatzversicherung, eine Erhöhung der Vergütung und eine Qualifizierungsoffensive wegen dem digitalen Wandel fordert. Klingt auch nicht unvernünftig.

Zur Digitalisierung in der Chemie habe ich in einem früheren Post ein paar Fakten aufgeführt.

Es wird spannend werden, wie schnell die Tarifpartner einigen können. Auf den ersten Blick geht es ja hier um Details, oder?

Vor allem die Positionen in Bezug auf „Flexibilität“ versus „Freizeit“ kann man meiner Meinung nach gut zusammenbringen. Es gibt Phasen im Leben, da braucht man mehr Zeit für andere Dinge, z.B. Pflege oder Kindererziehung, und andere Zeiten, wo man mehr arbeiten kann (und oft auch möchte). Und wer weniger arbeitet, kriegt natürlich auch weniger Geld.

Perfekt, wenn man als Unternehmen die ganzen Effizienzgewinne durch die Digitalisierung hebt. Und das ist ja das Ziel, oder?

Chemie-Nobelpreise 2019

Es ist spät, ich weiß. Und das halbe Internet hat schon über sie geschrieben, auch das ist mir bewusst. Aber ich denke, aufgrund der Wichtigkeit des Ereignisses muss ich das Thema auch aufgreifen: Endlich hat John B. Goodenough den Nobelpreis erhalten. Nachdem er jahrelang die inoffiziellen Nominationslisten angeführt hat, wurden seine Arbeiten gewürdigt, die zur Entwicklung von Lithium-Ionen-Akkus geführt haben. Der Fischblog z.B. hat auch dieses Jahr auf ihn getippt.

Solch große und langwierigen Entwicklungen kann heutzutage kein Forscher mehr alleine durchführen. Mit ihm wurden Akira Yoshino und M. Stanley Whittingham ausgezeichnet.

Trivia

Damit ist Goodenough bis dato der älteste Preisträger.

Und laut Frankfurter Rundschau ist er sogar in Jena geboren, also fast Deutscher :). Seine Eltern sind wohl zu seiner Geburt aus Oxford nach Deutschland, weil sie dachten, dass deutsche Ärzte besser darin seien, um einen Kaiserschnitt durchzuführen.

Lebenslang Lernen als Chemiker

Jeden Tag lese ich davon, dass man in dieser volatilen und schnelllebigen Zeit lebenslang lernen muss. Das gilt natürlich auch für Chemiker.

Da viele von uns in Forschungs- oder Entwicklungsabteilungen anfangen und sich dann in Managementpositionen weiterentwickeln, gilt das vielleicht gerade für uns Chemiker.

Die Motivation zum Lernen finden

Dass Lernen wichtig ist, leuchtet ein. Man möchte ja auch nicht immer den gleichen Job machen, sondern sich weiterentwickeln, und sei es nur beim Gehalt. Dieser Antrieb hat sich wahrscheinlich über die Jahre auch nicht geändert und auch unsere Väter und Großväter motiviert.

Es gibt aber durchaus externe Faktoren, die mich zum Lernen motivieren. Zum einen verändern sich Technologien im Umfeld der Chemie sehr schnell, und ich rede hier nicht von Blockchain, sondern beispielsweise von analytischen Methoden und dem, was Geräte immer mehr können. Hier muss man als Chemiker zumindest wissen, was möglich ist.

Aber auch die Welt um uns herum ändert sich schnell. Firmen dürfen neue Trends nicht verpassen, sonst versinken sie in der Bedeutungslosigkeit. Für den einzelnen Mitarbeiter heißt das, dass er flexibel sein muss, wenn sein Unternehmen neue Geschäftsfelder erschließt, alte fallen lässt oder sich komplett neu erfindet und umstrukturiert.

Was lerne ich?

Das muss jeder selbst wissen. Stellt Euch Fragen. Überlegt Euch, wo Ihr hinwollt und was ihr gerne in Zukunft machen wollt. Was interessiert Euch?

Davon abgesehen, haltet Euch fachlich auf dem Laufenden. Möglichkeiten wären eine GDCh- oder ACS-Mitgliedschaft. Die GDCh verschickt monatlich die Nachrichten aus der Chemie.

Ehrlicherweise bekommt ihr mit einer ACS-Mitgliedschaft viel mehr Material, es gibt eine wöchentliche Zeitschrift (C&EN) und Freiartikel in den Journals.

Wie lerne ich?

Vielleicht denkt ihr jetzt: Schön und gut, aber ich arbeite schon so viel, da habe ich keine Zeit zu lernen. Harald Schirmer, der bei der Continental AG für die digitale Transformation zuständig ist, hat zu diesem Dilemma einen tollen Post veröffentlicht.

Das Fazit: Beginnt zu lernen, blockt Euch kurze Zeitspannen im Kalender, baut Eurer Lern-Netzwerk auf. Ihr findet viele Anregungen im zitierten Artikel. Jeden Tag ein bisschen = lebenslang lernen.

Folgt relevanten Personen oder Institutionen (C&EN, GDCh, diesem Blog :)) auf Twitter, Facebook, …

Geht auf Konferenzen und Messen zu Themen, die Euch weiterbringen (können).

Lest Bücher und Blogs.

Habt Ihr weitere Anregungen oder einen interessanten Social-Media-Kanal entdeckt?

Jobbörse in Frankfurt

Am 6. und 7. November findet die 21. Frankfurter Jobbörse in Frankfurt am Main (nur zur Sicherheit!) statt. Ausgerichtet wird sie vom JungChemikerForum Frankfurt am Main. Der erste Tag ist Workshoptag, der zweite dann der Messetag.

In den Workshops werden verschiedene Themen bearbeitet, vom „Werben in eigener Sache“ über „den verdeckten Arbeitsmarkt“ bis zu rechtlichen Themen wie der Arbeitsvertrag. Für die Workshops sind Anmeldungen erforderlich.

Am Messetag stellen sich verschiedene Unternehmen vor. Beispiele wären Abbott, Altana, BASF, Heraeus, P&G, umicore etc.

Ich selbst war nie auf dieser Jobbörse. Vielleicht möchte jemand, die schon dort war, in den Kommentaren schreiben, wie sie (oder er) es fand.

Unter https://jobboerse-ffm.de findet ihr mehr Informationen.

Weitere Jobs könnt Ihr auf meinen Seiten finden:

Chemie und der Klimagipfel, tun wir etwas!

Zur Zeit schreibt ja jede Zeitung und das halbe Internet über den Klimawandel und den Klimagipfel in New York, natürlich aus verschiedensten Blickwinkeln. Oft liest man Überraschung oder ein gewisses Missfallen über die Heftigkeit der Rede von Greta Thunberg. Mehr darüber beispielsweise bei der Augsburger Allgemeinen. Erstaunlicherweise sind aber die meisten Kommentatoren, die ich gelesen habe, einig, dass zu wenig getan wird, um den Klimawandel abzumildern.

Klimagipfel der Chemie

Lohnt es sich also, dass ich auch noch etwas dazu schreibe? Mal sehen, hab ich ja auch schon mal gemacht, und hier nochmal. Es gibt aus der Chemiebranche ein paar Nachrichten zum Klimagipfel. Beispielsweise gab es im Juli einen Klimagipfel der Chemie bei der BASF, bei dem beschlossen wurde, durch Zusammenarbeit innerhalb der Branche die CO2-Reduktion schneller zu senken. Ein schönes Ziel.

Auch die IG BCE meldet sich nach den Klima-Kompromiss der großen Koalition zu Wort:

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie sieht nach den Klima-Beschlüssen der großen Koalition noch Klärungsbedarf und vermisst ein Konzept für den Ökostrom-Ausbau.

https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/un-klimagipfel–wutrede-thunberg-beim-klima-gipfel—merkel-spricht-von–weckruf–8916064.html

Ich denke, dass es bei diesem Thema noch weiteren Klärungsbedarf gibt.

Was macht das einzelne Unternehmen gegen den Klimawandel?

Über die Verfehlungen der Politik kriege ich viel mit. Aber genauso, wie sich jeder einzelne fragen kann, was er eigentlich tut, ist es auch interessant, zu schauen, was denn die einzelnen Unternehmen für Anstrengungen „unternehmen“, um einen Beitrag zu leisten.

Wie sieht es denn bei Euch im Unternehmen oder an der Uni aus, was wird dort getan?

Gibt es Jobtickets, ein Jobrad oder ein Dienstauto? Kann man sein E-Gefährt aufladen? Wie werden Dienstreisen gebucht, eventuell das CO2 kompensiert? Schreibt mir gern einen Kommentar.

Immer noch Sommerpause?

Die Sommerferien sind ja eigentlich vorbei, aber ich bin gestern erst aus dem Urlaub zurückgekehrt und habe heute keine heißen Themen für Euch.

Aber falls ihr trotzdem was chemisches lesen wollt:

  • Ein Interview mit Saori Dubourg (die einzige Frau im BASF-Vorstand, und sie ist nicht(!) ausschließlich für Personal zuständig) in der SZ, aber hinter einer Paywall.
  • Das Neueste von Chemjobber, unter anderem, dass die Anzahl an Chemiejobs in den nächsten 10 Jahren um 5% steigen soll.
  • Ein kritischer Blick auf meine Jobkarte, die durch Kategorisierung mit einem ML-Modell befüllt wird. Ein Hinweis: Es gibt erste „Fehler“, ich muss wohl das Modell verbessern. Gerne könnt ihr mir Rückmeldung in den Kommentaren geben.

Viel Spaß beim Lesen.

Ergebnisse der GDCh-Einkommensumfrage 2019

Eine kurze Meldung aus der inoffiziellen Sommerpause des Blogs. Die GDCh hat die Ergebnisse der diesjährigen Einkommensumfrage veröffentlicht.

Die Ergebnisse werden der Fairness halber nur den Mitgliedern zur Verfügung gestellt, die an der Umfrage teilgenommen haben, daher veröffentliche ich hier natürlich auch keine Ergebnisse.

In der Rubrik Ausbildung & Karriere der GDCh gibt es aber vielleicht bald ein paar Daten.

Ein alter Post von mir gibt eine Übersicht zum Thema Gehalt. Und wer noch einen Job sucht, kann auf meine Jobkarte schauen oder selber suchen.

Genießt den Restsommer!

Wachstum schwächer

Das Wachstum wird schwächer, das sieht man zum Beispiel am CAB, das im Juli gesunken ist. Aha. Was bedeutet das für uns und was ist überhaupt das CAB? CAB ist das chemical activity barometer des American Chemistry Council (ACC), also des amerikanischen Äquivalent des BAVC (oder des VCI, ich bin mir nicht sicher).

Und im Juli ist dieses Barometer sehr leicht gefallen. Chemjobber berichtet, dass das ACC 2020 eine Rezession befürchtet.

Wie sieht es in Deutschland aus und was sagt denn der BAVC? Wird auch hier das Wachstum schwächer? Mit den Aussagen muss man vorsichtig sein, 2019 ist schließlich ein Tarifrundenjahr, also wird alles schwarz gemalt. Ich zitiere:

Für das Gesamtjahr rechnet die Branche mit Rückgängen bei Produktion (minus 3,5 Prozent) und Umsatz (minus 2,5 Prozent). „Die IG BCE muss die Wettbewerbsfähigkeit im Blick behalten, um Standort und Beschäftigung zu sichern. Dazu müssen die Entgelte stärker an die wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt werden“, bekräftigte [Dr. Klaus-Peter] Stiller.

https://www.bavc.de/aktuelles/1863-tarifrunde-chemie2019-ohne-wachstum-wenig-spielraum

Auch der VCI ist allerdings skeptisch, was das weitere Wachstum angeht. Im ersten Halbjahr 2019 ist wohl die Produktion um 6,5% gesunken, allerdings war der Hauptrückgang in der Pharmasparte.

Persönlich fürchte ich, dass sich eine Rezession nicht vermeiden lassen wird, die Frage ist nur der Zeitpunkt und die Stärke. Mal sehen, wie das weitergeht, und welche Auswirkungen das auf Arbeitsmarkt, Gehalt und Berufsaussichten hat.

Neues vom Arbeitsmarkt bis Juli 2019

Unter https://blog.stellen-fuer-chemiker.de/statistiken/ trage ich ja immer die aktuellen Arbeitslosenzahlen für Chemiker auf.

Und ich bin immer noch überrascht, wie stabil die Zahlen für die „Experten“ sind, also für Personen, die mindestens vier Jahre studiert haben. Die arbeitslosen Experten liegen seit Jahren bei ca. 2500, mit einer leicht fallenden Tendenz seit 2016.

Hier ist also noch keine Trendwende zu erkennen. Bei den als suchend gemeldeten Chemikern beginnt die Kurve wieder leicht zu steigen. Gehört Ihr auch zu den suchenden? Dann schaut doch mal meine Karte mit offenen Stellen an. Da könnt Ihr gezielt für Eure Region suchen.

Seit neuestem generiere ich die Karte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, weiteres darüber in einem späteren Post.

Agile Chemieindustrie?

Eine alte Regel in der Welt der Promi-Magazine ist, dass man Fragen in Überschriften in der Regel mit „Nein“ beantworten kann. So ist meine Frage zur agilen Chemieindustrie nicht gemeint, für mich ist die Antwort da offen.

Wem es ähnlich geht wie mir, der kann am 15. Oktober 2019 nach Essen zu einer VCW-Konferenz fahren. Thema wird auf neudeutsch „Tanker or Speedboat? Agile Management in the Chemical Industry“ sein.

Tanker or Speedboat?

Für mich ist der Titel der Konferenz mehrdeutig. Tanker oder Schnellboot – das könnte schon wertend sein oder aber bedeuten, dass man sich klar werden muss, ob das eigene Unternehmen ein Tanker oder ein Schnellboot ist oder vielleicht eine Flotte verschiedener unterschiedlicher Schiffe.

Mir gefällt die zweite Variante besser, weil das heißt, dass sich die Unternehmensführung für eine Strategie entscheiden muss.

Vorbild Automobilindustrie?

Customer orientation, faster time-to-market and fail-early are key elements of agile processes and the related organizational structures. They are the answers to the challenges of the new VUCA business world and the accelerating pace of change. Here the Chemical Industry can learn from other industries, e.g. Automotive.

siehe Link zur Konferenz oben

Ob es wirklich eine „neue“ VUCA (volatile, uncertain, complex, ambiguous) Welt gibt? Oder muss hier das Buzz-Acronym zusätzliche Aufmerksamkeit generieren? Dann fehlt mir noch Scrum und machine learning in der Beschreibung ;).

Den Problemstellungen stimme ich aber zu. Auch mag die operative bzw. die Produktionsseite in der Automobilindustrie teilweise schon Antworten auf Fragen wie Time-to-market oder Fail-early haben, die Strategie besonders der großen und alten deutschen und amerikanischen Automobilkonzerne wirkt auf mich nicht besonders frisch und agil. Auch die Abgasproblematik bei Dieselmotoren war kein fail-early, im Gegenteil.

Oder meint man hier mit Agilität vielleicht auch das, was Toyota seit circa 70 Jahren mit seinem TPS/Lean macht?

Lean und die agile Chemieindustrie

Was auch immer hier gemeint ist, ich finde, das ist ein spannendes Thema, auch für das Innovationsmanagement. Besonders, weil es zwischen Prozessindustrie und Automobilindustrie und Maschinenbau große Unterschiede gibt.

Um ein paar zu nennen: In der Prozessindustrie fertige ich kontinuierlich oder in Batches, habe oft Rohstoffe und Fertigwaren mit begrenzter Haltbarkeit und weiß oft nicht so viel über meine Rohstoffe außer den Namen und die Spec. Schließlich habe ich besonders in der Formulierung unzählige Wechselwirkungen, die ich vorher nicht berechnen kann.

In der Automobilindustrie habe ich diskrete Einheiten als Produkt, meine Bauteile und Fertigprodukte haben meist recht lange Haltbarkeiten und ich kann oft auf ein Baukastensystem zurückgreifen und einzelne Eigenschaften getrennt optimieren.

Daher finde ich die Konferenz interessant und würde mich freuen, wenn daraus der eine oder andere Artikel oder vielleicht sogar ein Buch über die „Agile Chemieindustrie“ werden könnte.